Wenn ich eine Rede halten müsste

January 27, 2016

Gewidmet an: Ivan, Daniel, Lobsang, Mathias, Emanuel, Fabienne, Martina, Katja und Daniela

 

Ich habe mir überlegt, was ich wohl sagen würde, wenn ich eine Rede halten müsste. Eine Rede einfach irgendwo. Nichts spezielles. Vielleicht an einem Geburtstag, einer Beerdigung, einem Firmenevent, für mich selbst oder einfach für eine einzige Person in einem Raum. Wer weiss, vielleicht kenne ich diesen jemanden nicht mal wirklich. Oder noch schlimmer, ich mag ihn nicht einmal. Trotz alledem, was würde ich denn in einer solchen Rede sagen? Angenommen es wäre meine letzte Rede. Da gäbe es so viele Dinge zu sagen. Ich glaube, wenn es die letzte Rede ist, dann ist es einem egal, wer zuhört oder ob man diese Person nun mag oder nicht. Schlussendlich möchte man doch einfach alles sagen, wofür man nie wirklich die Eier hatte. Wieso auch nicht? Spielt danach ja sowieso keine Rolle mehr.

 

Wow, bei dem Gedanken daran fühlt man sich doch ziemlich erhaben. Unantastbar. Nicht dass das meine letzte Rede wäre. Naja, da es meine erste ist, hängt es etwas davon ab, wie gut diese hier wird. Und ansonsten war es auch egal, dann wäre es die erste und die letzte gewesen. Das hat doch auch was für sich oder nicht? Hauptsache etwas besonderes. Sollte es die Rede nicht sein, nun ja, dann sollte es wenigstens die Art und Weise sein, wie sie präsentiert wird oder der Kontext.

 

Angenommen ich würde eine Rede an meinem Geburtstag halten. Das klingt nach einem tollen Rahmen für eine solche Rede. Wieso auch nicht? Die Leute sind schliesslich wegen mir hier. Ja, klar, ich weiss, einige sind vielleicht auch wegen dem gratis Essen und den Getränken hier aber was solls, ich teile gerne. Wie dem auch sei, ich glaube ich würde so beginnen:

 

Scheisse, wer seid ihr denn alle. Ich kenne euch doch gar nicht. Wisst ihr, so ein Mikrofon ist echt viel schwerer als es aussieht. Teufel ja, es kann aber auch daran liegen, dass ich so schwach bin, wer weiss das schon so genau. Wow, heute sind echt viele Menschen hier. Und alle nur wegen mir? Ich will jetzt keine Zwischenrufe hören, lasst mir wenigstens die Illusion!

 

Das sechste Jahr in Folge, dass ich ein Geburtstagsfest mache und bisher waren noch nie so viele Leute dabei. So viele Leute, die mir immer und immer wieder bei allem möglichen geholfen haben. Das ist schon ziemlich cool, finde ich. Vor sechs Jahren. Puh, das war ein hartes Jahr. Eigentlich war der Jahresanfang hart und danach war es gar nicht mehr so krass. Aber ehrlich gesagt hat mir der Anfang damals schon genügt, um das ganze Jahr zu vermasseln. Damals wusste ich noch gar nicht, was dieses Geburtstagsfest für mich bedeutete und was es in Zukunft überhaupt noch für mich bedeuten würde. Wieder ein Jahr mehr. Wieder einige Tage mehr dabei. Wieder viel Zeit mit unglaublich faszinierenden Menschen verbracht. Tolle Dinge erlebt. Falsche Entscheidungen getroffen. Sie kurz bereut und danach ohne zurückzublicken weitergemacht. Damals war das noch in einem ziemlich kleinen, privaten und intimen Rahmen. Ich müsste lügen, wenn ich sage ich weiss noch genau wer damals dabei war, weil ich weiss es ehrlich gesagt nicht mehr zu einhundert Prozent. Was ich aber weiss ist, dass genau die Leute dabei waren, die ich in diesem Moment dabei haben wollte und sie sind auch alle erschienen. Nicht wissend, wie sich alles entwickeln würde. Ich wurde damals 18 und das war für mich auch schon das wichtigste an diesem Abend. Einige Wochen später, da hat mich das Universum so richtig hart ins Gesicht geschlagen und zwar mit der Rückhand. Scheisse, das tat wirklich weh. Wenn mann genau hinsieht kann man den Abdruck auch jetzt noch erkennen. Nicht aussen auf der Wange aber im Inneren. Vernarbt aber immer noch da. Zeuge einer Tragödie.

 

Danach begann eine harte Zeit. Nicht direkt für mich selbst aber für meine Leber, meine Nieren, meinen Kopf und meinen Magen. Wäre ich nicht eingeschränkt gewesen, dann hätte ich mir vermutlich alles reingepfiffen, was ich gefunden hätte. Auch so war es aber nicht schlecht. Ich begann vermehrt nachzudenken. Nicht über mich oder meine Zukunft. Nein, bloss nicht über meine Zukunft. Einfach über alles. Über Dinge, über tiefere Sinne, über Freundschaft, über Menschen, Rassen, Geschichten, Verhaltensweisen. Einfach über verdammt viele Dinge halt. Das mag jetzt etwas überdramatisch klingen aber mein einziger Halt damals waren meine Freunde. Die glorreichen Neun, wie ich Sie in meinem Kopf gerne nenne. Nun, das soll kein Vorwurf an meine Familie sein. Wir waren damals einfach alle mit uns selbst beschäftigt und konnten nicht wirklich füreinander da sein. In dieser Zeit wurden meine Freunde also zu meinem wichtigsten Gut, das ich nie mehr los lassen wollte, egal was da kommen möge.

 

Meine Geburtstagsfeier im darauffolgenden Jahr war wirklich sehr besonders. Das war es aber nicht umbedingt für meine Freunde. Sie wussten es nicht aber allein die Tatsache, dass sie alle gekommen sind, war schon ein riesen Ding für mich. Ich war so unglaublich glücklich darüber, ein weiteres Mal dieses Fest für mich und mit Ihnen zu feiern. Leider konnte ich mich nicht wirklich ausdrücken. Heute sieht das anders aus. Ich habe ein Medium und die Fähigkeit dazu. Eine Gedanke keimte in mir auf. Ich will einfach jedes verdammte Jahr eine Geburtstagsfeier schmeissen und alle meine Freunde, seien es die glorreichen Neun oder alle weiteren die in diesem Jahr dazu gekommen sind, dazu einladen. Nicht weil ich viele Geschenke wollte. Naja, zugegeben die Partys sind jeweils doch auch etwas egoistisch. Denn jeder weitere Besucher und jedes weitere Jahr, womit noch weitere Besucher dazu kamen, war und ist mehr Wert als tausend Goldbarren.


Vor drei Jahren, ja vor drei Jahren. Das war die härteste Geburtstagsparty für mich. Das war auch das Fest, bei der ich bewusst lange mit meiner Einladung gewartet habe. Ich habe das eigentlich nur jemandem erzählt. Viele hatten es wahrscheinlich bereits selbst vermutet aber naja Gewissheit ist auch was tolles. Ein Monat vor dem selben Geburtstag, der mich erwartete, starb nämlich mein Bruder. Er war damals vor dem 21. Geburtstag und hat es einfach nicht mehr geschafft. Ich weiss es mag absurd klingen aber ich hatte damals die abstruse Idee, dass mich im selben Alter auf die selbe Weise das selbe Schicksal ereilen würde. Als es dann endlich so weit war und ich meinen Geburtstag feiern durfte, da war das ein Riesen Befreiungsschlag für mich. Ich konnte wieder aufatmen. Hatte eine Zukunft vor mir. Wenn auch eine ungewisse. Wusste ich doch vorher immer, wie es in etwa mit mir verlaufen würde, hatte mein Bruder doch die selbe Krankheit und das selbe Krankehitsbild wie ich. Es machte mir angst aber es machte mich auch glücklich. Die Welt lag und liegt mir zu Füssen. Ich kann alles werden was ich möchte, wenn ich mich nur selbst genug dafür einsetze.

 

An dieser Stelle eine direkte Passage an die Leser der Gruppe der glorreichen neun:

 

Fick dich! Haha, nein, sorry. Das war einfach zu verlockend. Nach so viel Gefühlsduselei musste so eine Auflockerung jetzt einfach sein. Nein im Ernst jetzt. Ich habe dir alles zu verdanken. Du warst da, als es nicht lustig war, du warst da, so oft und so lange du nur konntest. Du warst auch da als es lustig war, du warst da, so oft und so lange du nur konntest. Ich kann auf dich bauen und zwar immer. Ich kann auf dich bauen, auch wenn du Kilometer weit entfernt bist. Ich kann auf dich bauen, wenn du in Australien, Neuseeland, Israel, Indien, Schottland, Irland, Paris, Nantes, St. Gallen, Zürich, Nesslau, Krummenau, Stein, Ägypten, Kanada, Spanien, Holland, USA oder Deutschland bist. Ich kann auf dich bauen. Ich kann dir vertrauen. Egal wann, egal wo, egal bei was, egal wie oft. Ich bin für dich da. Nicht so wie du es für mich bist aber ich bin da. Jede einzelne verdammte Sekunde die wir zusammen verbringen zähle ich, halte die Luft an und hoffe, dass Sie nie nie nie niemals vorbeigeht und wir immer zusammen sitzen, trinken, reden, essen, tränen lachen und einfach Freunde sein können. Danke für alles. Für euch neun aber wirklich: Für immer der Eure.

 

In einigen Wochen steht die nächste Geburtstagsparty an. Für euch alle mag es ein einfaches Fest sein. Für mich aber heisst es wie jedes Jahr: Alles oder nichts. Hoffen auf ein weiteres Jahr. Erleben wie es verstreicht und die Entspannung und Erleichterung spüren, wenn es wieder soweit ist und die nächste Party beginnt.Es begann auch für mich als ein ganz normales Fest. Inzwischen ist es aber so viel mehr. Für mich steht meine Geburtstagsparty für Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und die Hoffnung, die niemals stirbt.

 

So, genau so in etwa würde ich eine Rede halten. Ich hoffe es bleibt nicht meine erste und letzte. Ich freue mich auf die Party. Lasst uns die Grundfesten mit unserer verdammten Freude erschüttern.

 

Der, der die Nacht lieber mit schreiben als schlafen verbringt.

 

Please reload