Wer bin ich?

February 12, 2017

Eine Frage mit der sich wohl die meisten der Generation Y, die sich gerade in ihren mittzwanzigern befinden, beschäftigt. Oder wie die frischere Bezeichnung lautet: Die Millenials. Die Jahrtausender. Finde ich cool. Klingt erhaben. Die Jahrtausender. Wahnsinn. Oder gemäss Wikipedia werden wir sogar Ypsiloner genannt. Noch viel verrückter. Mag ich auch. Das Fazit am Ende wird das selbe bleiben. Ob wir nun wohlklingende englische frische Namen kriegen, wie Aliens oder wissenschaftliche Projekte benannt werden.

 

Die meisten von uns sind gut ausgebildet. Uns wurde bereits früh und immer wieder eingetrichtert, dass wahres Glück und Vertrauen in unsere eigene Fähigkeiten und uns selbst nur erreicht werden können, wenn wir schnell und jung erfolgreich sind. Nicht aber etwa erfolgreich im Sinne von glücklich mit sich selbst zu sein. Nein, sondern erfolgreich in der beruflichen Laufbahn sind. Soll heissen, dass du mit "nur" einer Ausbildung schon beinahe von allen etwas mitleidig hörst "ach ja, in den Arbeitsmarkt einzusteigen ist auch wichtig. Irgendjemand muss ja arbeiten.". Manchmal ertappe ich mich sogar selbst dabei wie ich denke, dass ich doch unbedingt eine Weiterbildung machen muss. Nur eine Grundausbildung ist doch viel zu wenig. Da geht noch mehr. Da muss noch mehr gehen. Das resultiert dann darin, dass ich mir Jahrelang als Ziel gesteckt habe eine Weiterbildung zu starten. Egal was, einfach irgend etwas. Damit ich bei Gesprächen nicht nur sagen kann, dass ich eine kaufmännsiche Ausbildung absolviert habe und danach nichts mehr. Ich kann dann sagen, dass ich später ja dann auch noch einen Bachelor in dem, einen Master in diesem und Zertifikate in jenem erhalten habe.

 

Dennoch habe ich nie eine Weiterbildung ins Auge gefasst. Wieso? Weil ich einfach zu faul und unmotiviert war. Scheiss Generation Y ist man versucht zu brüllen. Wieso war ich zu faul und zu unmotiviert? Ich war immer mit dem zufrieden das ich hatte. Und inzwischen darf man das gar nicht mehr. Jeder muss ambitioniert sein und grosse Ziele haben. Auch wenn diese niemals erreicht werden können. Zudem hat mich kein Bereich so in seinen Bann gezogen, dass ich eine Weiterbildung in diesem Bereich angestrebt hätte. Die Bereiche die mich interessieren bringen nichts auf dem Arbeitsmarkt. Und eine Ausbildung ohne Perspektive auf eine Anstellung zu beginnen, lohnt sich nicht. So weit ist es gekommen. Der Sinn einer Ausbildung erschliesst sich mir nur, wenn ich daraus Kapital schlagen oder mich irgendwo im Arbeitsmarkt höher positionieren und mir dadurch eine bessere Ausgangslage verschaffen kann.

 

Doch kürzlich habe ich diesen Teufelskreis durchbrochen. Es war weniger ein Durchbruch als ein über die eigenen Prioritäten klar werden. Neulich reduzierte ich meine Arbeitszeit und hatte plötzlich viel mehr Zeit und Lust über mich, wer und was ich bin und darüber was ich will, nachzudenken, weil ich nicht mehr verausgabt von der Arbeit nach Hause gekommen bin, unfähig, meine Gedanken um eine bestimmte Sache kreisen zu lassen. Ich habe es vermisst und es hat mir gefehlt. So sehr sogar, dass ich manchmal begonnen habe mit mir selbst zu hadern und unzufrieden war. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Das Leben und einen Erfolg darin zu haben ist nicht nur auf die Arbeit und erreichte Ziele zurückzuführen. Es steckt noch mehr dahinter, viel viel mehr und das ist grossartig.

 

Dadurch, dass sich meine Ziele verschoben haben, haben sich meine Ambitionen verkleinert. Eine lustige Geschichte, wenn man so darüber nachdenkt. Das bedeutet nicht, dass ich ein fauler Sack bin und nichts mehr tue. Mir sind dadurch lediglich andere Dinge wichtiger, als bei der Arbeit möglichst erfolgreich zu sein. Versteh mich nicht falsch, auch ich kann ohne die Arbeit nicht leben, denn die Arbeit ist eine gute Beschäftigung. Jeder, der über eine gewisse Zeit ohne Anstellung war wird wissen, wie unglaublich langweilig alles wird. Und das auch noch schneller als jeder durch die Gegend flitzende Hase. Es ist nicht damit zu vergleichen, bewusst für eine gewisse Zeit auszusteigen. Seine verdienten Lorbeeren zu geniessen und sich einfach auszuklinken. Das entspannende daran ist unter anderem nicht nur die freie Zeit und das Aussteigen selbst, sondern die Gewissheit, dass es nach dieser Zeit mit etwas produktivem weitergeht. Was ich damit sagen will: es ist schön zu wissen, was ich mit meiner Zeit anstellen soll und ich dennoch genug Arbeite, um die Freizeit dazwischen ausreichend zu geniessen, sowie aber auch genau so zufrieden im Wissen darüber zu sein, dass es irgendwann auch wieder mit einer Aufgabe weitergeht, die womöglich nicht so viel Freude bereitet. Aber dennoch kann ohne eines der beiden Teile kein ganzes entstehen. Es ist ein pseudomässiges Yin und Yang, dass  keine gute oder schlechte Seite beinhaltet, sondern einfach zwei verschiedene Seiten.

 

Doch trotz dieser Erkenntnis und neu gewonnen Ausgeglichenheit stellt sich noch immer die Frage: Wer bin ich? Wenn die Frage doch nur so einfach zu beantworten ist, wie sie sich stellt. Ich bin Generation Y. Ich bin ein Schwätzer. Ich bin ein Lügner. Ich bin Kreativ. Ich bin voller Ideen. Ich bin voller Blödsinn. Ich bin hier. Ich bin da. Ich bin dort. Ich bin fort. Ich bin manchmal ein wenig lustig. Ich bin traurig. Ich bin zufrieden. Ich bin Baum. Bin Yin. Bin Yang. Ich bin all das und doch gar nichts davon. Ich weiss nicht wer ich bin. Ich bin jemand der noch an die grossen Dinge glaubt. Romantik. Liebe. Ewig währende Freundschaft. Die eigene Zeit zu nutzen oder wie es in "Der Club der Toten Dichter" heisst: Carpe Diem.

 

Das mag naiv klingen und das ist es auch. Doch es ist schön naiv und gutgläubig zu sein. Die Welt scheint nicht mehr ganz so grau,  sondern ein wenig heller. Nicht hinter jeder Ecke verbirgt sich ein Dieb, Psychopath oder Junkie. Vielmehr sind  da Bekanntschaften. Wunderschöne verschiedene Menschen. Ja, ich steh dazu. Ich bin ein Idiot, Trottel und gutgläubiger Optimist, der versucht die guten Dinge zu bewahren. Ist das gut? Nicht immer. Manchmal wird man enttäuscht oder auch ausgenutzt. Aber das ist der Preis, den ich bereit bin zu zahlen. Denn wenn etwas schlecht war, dann nimmst du daraus wenigstens eine gute Geschichte mit. Viele gute Geschichten entstehen aus üblen und traurigen Momenten. Was solls, auch aus diesen Geschichten wird irgendwann eine witzige Anekdote. Es öffnet dir möglicherweise auch die Augen und erlaubt dir über den Tellerrand zu blicken. Andere Perspektiven zu verstehen. Selbst dann, wenn du mit der Ansicht nicht einverstanden bist, zumindest versuchst du sie zu verstehen. Denn etwas zu verstehen, zu analysieren und zu wissen woher es kommt hilft auch dabei es zu Zerpflücken, wenn es keinen Sinn ergibt und notwendig ist.

 

Genau so einer bin ich. Einer der sich Stundenlang über ein Wort den Kopf zerbrechen kann und sich fragt, woher es kommt und was es wohl bedeuten mag. Ich mag Wörter und ihre Bedeutungen. Oftmals werden wir alle mit vielen Fremdwörtern oder komplizierten Begriffen konfrontiert. Klar, es ist schön tausend Synonyme für ein Wort zu kennen um sich gewählter und weniger eintönig auszudrücken. Doch die schönsten Wörter bringen nichts, wenn sie Fremd und nicht erklärbar sind. Du erntest vielleicht einige verzweifelte "ha, hah, haha, ha" Lacher. Verstanden hat dich aber niemand. Sprache ist eine tolle Sache. Ich habe vor langer Zeit über einen Auswanderer gelesen, der die schönsten Kompositionen aus Wörtern in seiner Muttersprache arrangieren konnte. Doch als er sein Land  verlassen hat und irgendwo anders landete, wurde ihm diese Fähigkeit einfach genommen. Der Möglichkeit sich auszudrücken und schöne Dinge zu erschaffen.

 

Wie dem auch sei, zurück zu meinem Monolog. Offensichtlich bin ich auch ein kleiner Narzist. Wie man bemerkt handeln viele meine Texte von mir, meinen Ansichten und den Erlebnissen die die geniale Achterbahnfahrt namens Leben so mit sich bringt. Auch wenn ich nicht so viel Zeit damit verbracht habe, habe ich doch schon das eine oder andere erlebt, dass ich versuche mit meinen Schreibanfällen zu verarbeiten und andere zum schmunzeln und schniefen zur gleichen Zeit zu bringen. Ich weiss nicht was ich will. Weder jetzt, noch in der Zukunft, noch was ich überhaupt in der Vergangenheit jemals wollte. Ich weiss nicht woher ich komme und weiss nicht wohin ich will. Aber das ist mir egal. Es wird schon irgendwie schief gehen. Ich hangle mich einfach von Moment zu Moment und das Leben wird schon passieren. Ich mag die grossen Plattitüden wie "Wer nicht wagt der nicht gewinnt" und setze diese auch gerne immer wieder ein aber ich lebe nicht nach ihnen.

 

Doch wer bin ich nun? Schafft dieser Text Klarheit? Keineswegs. Er ist genau so chaotisch wie ich mich selbst fühle und gibt einen Einblick darin, mit was für luxuriösen Problemen ich mich auseinandersetze. Richtig, es sind keine. Meine grösste Sorge ist, dass ich nicht weiss, was ich am Tag nach Heute zu Mittag essen soll. Ich bin ein privilegierter Bastard. Ich bin mir dessen bewusst und dankbar dafür. Zumal ich dafür nichts aber auch gar nichts beigetragen habe. Ich bin einfach so reingerutscht und hatte Glück.

 

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