Ein Brief für dich

August 27, 2017

 

Ich will nicht mit lieber Bruder beginnen und doch habe ich keinen besseren Start bereit. Ich kann nicht mehr mit dir sprechen, sieben Jahre schon. Das ist eine lange Zeit. Ein grosser Teil meines Lebens. Es wird einfacher aber es wird niemals leicht.

 

Der Schmerz sitzt tief und ich denke nicht, dass er jemals weg sein wird. Zu viel Zeit ist schon vergangen und zu sehr da ist er dafür noch. Ich denke nicht mehr so oft an dich. Und das macht mir angst. Ich will dich nicht vergessen und doch kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wie du genau ausgesehen hast und ich hasse es. Ich verfluche mich dafür, dass die Erinnerung verblasst und doch kann ich es nicht aufhalten. 

 

Manchmal da überkommt es mich. Oft sitze ich da und in der einen Sekunde schiesst du mir durch den Kopf und ich werde traurig, egal wo und mit wem ich gerade unterwegs bin. Meist lasse ich mir nichts anmerken aber ab und zu da dringt es durch. Dann beginne ich zu weinen und kann nur noch einen klaren Gedanken fassen: "Ich will meinen Bruder zurück". Doch das wird niemals geschehen. 

 

Ich habe das noch nie jemandem gesagt aber ich verdanke meine ganze Persönlichkeit und meine Motivation der Lücke, die du hinterlassen hast und es war ein langer Weg. Man kann sagen, dass "carpe diem" ein wenig mein Mantra wurde. Das drückte sich zu beginn vor allem mit Alkoholexzessen und ausschweifenden Feiern aus. Oh und ich habe diese Zeit geliebt. Der Kontrollverlust lies mich alles vergessen, alles hinter mir lassen. Ein klassischer Fall von "Kummer ertränken". Na und, bin ich halt ein Klischee, ist mir so egal. Für mich war es damals das, was ich gebraucht habe. Ich hatte meinen Abschluss in der Tasche und arbeitete in einem Büro und plötzlich, plötzlich wurde alles Bedeutungslos; ist es eigentlich auch bis heute noch. 

 

Man sagt schreib was du weisst und das einzige, dass ich nun mal weiss oder kenne bin ich. Seit diesem Tag vor sieben Jahren lässt mich eines nicht mehr los: Wie hast du dich gefühlt? Und weisst du was? Ich habe keine Ahnung und wie ich es auch drehe und wende, ich erhalte keine Antwort. Habe ich dich auch nur einmal danach gefragt? Nein, hab ich nicht. Ich weiss nicht wieso aber ich war einfach nicht in der Lage das auszusprechen, was sowieso schon in der Luft lag und klar war. Und dennoch, obwohl ich weiss, dass du es weisst, bereue ich es bis zu diesem Tag und werde es auch in Zukunft für immer bereuen. Oft sage ich, "ich bereue nichts", doch das ist gelogen. Was würde ich nur darum geben, nur einen Tag, einfach nur einen einzigen Tag mit dir zu verbringen. So viele Dinge zu sagen, die ungesagt blieben. So viele Dinge zu erledigen, die wir niemals zusammen getan haben. So viele Streitereien zu belachen und zu vergessen. Ich würde gerne glauben, dass du das irgendwie irgendwann irgendwo lesen kannst doch ich weiss, dass das hier eigentlich nicht für dich sondern im Grunde für mich ist. Ein trauriger weiterer kläglicher Versuch das geschehene zu verarbeiten oder aber auch nur darüber hinweg zu kommen. 

 

Sieben Jahre war ich mit einer "mir doch egal, es gibt schlimmeres" Attitüde unterwegs und begegnete damit allen Problemen oder Herausforderungen die mir entgegen prasselten. Und nun, endlich nach sieben Jahren beginne ich langsam meine Einstellung zu ändern. Mir ist immer noch vieles egal und das ist auch nichts schlechtes. Aber etwas ist mir nicht mehr egal und das bin ich. Ich hatte niemals damit gerechnet älter als 21 Jahre zu werden. All die Jahre waren eine Zugabe. Und wie habe ich sie verbracht? Mit feiern und abstürzen und mich möglichst von allem fernzuhalten, das mir vielleicht zu nahe kommen könnte. Wieso sich das geändert hat weiss ich nicht aber es scheint der Beginn von einem weiten Weg zu sein, dessen Ziel ich nicht kenne und auch nicht kennen möchte. Doch ich weiss, dass ich auf einem guten Weg bin. Und vielleicht denke ich weniger an dich aber dafür denke ich umso mehr in den Momenten an dich, die wirklich zählen.

 

Beruhigung erlange ich durch die Gewissheit, dass ich dich niemals ganz vergessen werde. Dieser schicksalhafte Tag vor sieben Jahren hat alles verändert und wie er das getan hat. Mit einem Knall. Ich kann mich auf unser letztes Aufeinandertreffen Erinnern, als wäre es gestern gewesen. Du warst in diesem Zimmer irgendwo im riesigen Krankenhaus in Bern. Die Vorhänge waren gezogen und leicht gelblich gefärbt. Das Licht der Sonne strahlte durch die Vorhänge und tauchte das ganze Zimmer in ein warmes oranges Licht. Wir haben viel gelacht an diesem letzten Tag. Ich weiss nicht mehr worüber aber ich denke, dass es belanglose Dinge waren. Ich habe das Zimmer verlassen und habe mich danach so leer wie nie wieder in meinem ganzen Leben gefühlt. Ich war so erschlagen, dass ich nicht mehr weiss, wie ich nach Hause gekommen bin. Rückblickend wusste ich vermutlich, dass es das letzte Mal gewesen sein muss, dass wir uns gesehen haben. 

 

Ich kann mich an die folgenden Tage nicht mehr gross erinnern aber ich weiss, dass sich die Ereignisse überschlagen haben. Ich weiss nur noch wie jeder Tag grauer und grauer wurde und es mich zu zerreissen drohte, als mich plötzlich am dunkelsten der grauen Tage die Gewissheit und somit die traurigste Nachricht, die ich jemals erhalten habe, aufgesucht hat. Es war vorbei und ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Ich war im Büro und total überrumpelt. Ich wollte schreien, weinen, etwas zerschlagen aber ich konnte nicht. Ich sass da und starrte ins leere. Schweigend. 

 

Einige Tage danach war die Abdankung und ich hatte bereits meine Schilde hochgefahren und eine gewisse Distanz zu dem ganzen Geschehen. Es war beeindruckend, wie viele Leute sich versammelt hatten, um dir die sogenannte letzte Ehre zu erweisen. Eine ganze Turnhalle voller Leute und alle waren sie untröstlich. Ein Pfarrer erklärte sich dazu bereit die Abdankung in einer Turnhalle durchzuführen, was rückwirkend betrachtet ziemlich cool war. Ich glaube es hätte dir gefallen. 

 

Ich bin jetzt 25 und fühle mich keine Sekunde älter als an dem Tag, an dem ich von deinem Tod erfahren habe. Die Welt ist irgendwie stehen geblieben. Klar, die Erde hat sich weiter gedreht und Leute haben weitergemacht aber ich blieb stehen. Ich hielt mich selbst im Kreislauf aus Arbeiten und am Wochenende das verdiente Geld auf den Kopf hauen gefangen. Als ob jemand auf die Play Taste gedrückt hätte, geht es jetzt wieder weiter. Ich will mehr und ich will weiter. Ich will nicht länger tagein tagaus Geld verdienen, um es dann in Form von Alkohol in mich hinein zu giessen. Ich will leben verdammt und ich will dabei alles ganz klar sehen, hören und wahrnehmen. Ich will keine Sekunde mehr verpassen oder wegen eines Blackouts vergessen. Ich will dabei sein und jeden Moment geniessen. Auch wenn ich in einem Sturm im Regen stehe und nass bis auf die Knochen werde. Auch wenn ich mir am See den Arsch abfriere, weil ich dachte, dass es im Mai nun Zeit für Sommer ist und ich diese Jacke nicht mehr brauche. Auch wenn ich mal ein ganzes Wochenende zu Hause bin und meinen Gedanken nachhänge. Auch wenn ich zwei Stunden irgendwo hin reise und nach einer Stunde wieder zurück reise. Ich will einfach dabei sein, im Moment verweilen so lange es geht und danach weiterziehen. Notgedrungen aber mit der Gewissheit, dass ich jeden Tropfen daraus gequetscht habe. 

 

Wieso erzähle ich dir das? Weil ich langsam wirklich das Gefühl bekomme, dass ich ein wenig mit der Geschichte abschliessen kann. Und ich will nicht, dass du denkst, dass ich dich deshalb vergessen werde. Du bist nicht mehr da aber sicher nicht vergessen. Die letzten sieben Jahre waren wirklich ein Wechselbad der Gefühle und nicht immer schön. Doch ich will keine einzige Sekunde davon missen, denn sie haben mich dazu gebracht der zu sein, der ich heute bin. Immer noch Träumer. Immer noch naiv. Immer noch glücklich. Ohne dich wäre ich ein um Welten schlechterer Mensch. Ohne dich hätte ich keinen Blick über den Tellerrand gelernt. Ohne dich hätte ich viel mehr angst gehabt. Ohne dich hätte ich mich nie auf das kommende vorbereiten können. Ohne dich hätte ich niemals gelernt mich zu streiten, niemals gelernt zu verzeihen, niemals gelernt sich zu versöhnen. Kurzum ich werde dich für immer im Herzen tragen und niemals niemals nie vergessen.

 

Der für immer dich liebende im Leben zurückgebliebene Knirps, dem du so gerne auf den Kopf gehauen hast, auch wenn ich irgendwann zurückgeschlagen habe. Auf bald mein lieber Bruder, vielleicht schreibe ich dir irgendwann mal wieder.

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