• u.nic.orn

Kumbaya, ihr Arschlöcher


Was ist so verdammt schwer daran, nett zu sein? Ich verstehs nicht. Nicht selbstlos, nein, nur nett. Je mehr ich mein Herz öffne und die Welt hereinlasse, desto mehr will ich es wieder schliessen und mich abkapseln. Wann wurde es cool, ein verdammter Vollidiot zu sein? Ich habs wirklich verpasst. Abermilliarden von Menschen stehen jeden Tag auf und entscheiden, dass sie sich an diesem Tag wie ein Arschloch verhalten. Es ist nicht schwer, nett zu sein. Wir hatten unglaubliche Vorbilder, aber haben nichts daraus gemacht. Es waren auch üble Zeitgenossen dabei, aber das bedeutet nicht, dass wir sie uns zum Vorbild nehmen sollen. Wir haben die Wahl. Jeden einzelnen Tag haben wir die Wahl.


Es fühlt sich so an, als ob wir uns alle so weit voneinander entfernt haben, wie es bisher nie der Fall war. Und das obwohl die Welt ein Dorf ist – danke Internet. Wir sind so nah und doch so fern. Nie habe ich dieses Sprichwort besser verstanden als jetzt. Noch nie empfand ich Freude und Angst, wenn ich andere Menschen gesehen habe. Scheisse, wer jetzt nicht verstanden hat, dass wir bluten und sterben wie alle anderen, der wird es nie verstehen.


Die Welt brennt. Das tut sie doch immer irgendwo. Vielleicht mag das stimmen, aber nicht nur die Welt brennt, sondern die Menschen. Ich lese die Schlagzeile «Nazis versuchen, den Bundestag zu stürmen» und bin nicht mal mehr überrascht. Der Hafen in Beirut explodiert und in den Kommentarspalten dieser Welt haben die Leute nichts Besseres zu tun, als darüber zu streiten, ob die Person, die das Video aufgenommen hat, gestorben ist oder nicht. Als dumm werden jene bezeichnet, die hoffen, dass es ihr gut geht und eventuell eine Chance besteht, dass sie lebt. Wir stumpfen ab und bemerken es nicht mal.


Tausende alte Menschen sterben auf der Welt und alles was ich lese ist, dass das ja nicht so schlimm ist, schliesslich ist es bei der Grippe auch so. Niemand denkt auch nur eine Sekunde daran, dass diese Menschen gerne noch ein bisschen gelebt hätten. Wahrscheinlich nicht alle, aber einige von ihnen waren bestimmt nicht bereit, jetzt zu sterben.


In Belarus haben die Menschen entschieden, dass genug verdammt nochmal genug ist. Sie stehen auf, werden niedergeschlagen, stehen wieder auf, werden niedergeschlagen, stehen wieder auf, werden verschleppt, gefangen gehalten, niedergeschlagen, stehen wieder auf. Sie erhalten keine Hilfe von der Welt und drohen erdrückt zu werden. Und. Sie. Stehen. Wieder. Auf. Vor ein paar Wochen habe ich mich selbst gefragt, wo die Rosa Parks unserer Zeit ist. Wo ist die Person, die im Bus aufsteht und sagt, dass genug verdammt nochmal genug ist? Ich habe meine Antwort von der Welt bekommen: Es sind die Menschen von Belarus.


Martin hat uns vor 60ig Jahren von seinem Traum erzählt, aber wie es scheint, haben wir vergessen, was sein Traum war. Die Passage, die mich am meisten getroffen hat, war: «Ich habe den Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einem Land leben, in dem nicht wegen ihrer Hautfarbe, sondern wegen ihres Charakters über sie geurteilt wird.» Nun, seine Kinder sind inzwischen gross, aber sein Traum wartet immer noch darauf, Wahrheit zu werden. Wir leben in einer Zeit, in der eine Bewegung wie «black lives matter» notwendig ist, weil viele immer noch nicht verstehen, dass es so ist. Selbst wenn es in riesigen gelben Lettern vor ihnen auf der Strasse steht. Wir haben den Traum vergessen. Deswegen ist er trotzdem da und lebt weiter, er ist einfach noch nicht wahr geworden.


Und wenn ich gleich dabei bin, mich auszukotzen: Was ist eigentlich mit all den Menschen los, die nicht nur eine Abneigung, sondern einen sprichwörtlichen Hass gegen ein Kind aus Schweden entwickelt haben? Scheisse, würden die auch anderen Kindern auf der Strasse die Dinge sagen, die sie ihr oder über sie gesagt haben? Wenn die Antwort Nein lautet, dann habe ich eine Frage: Wieso tun sie es dann bei ihr? Natürlich ist sie nicht ohne Fehler, aber wer ist das schon? Ich bin weit davon entfernt. Was geht in einem Kopf vor, der einem Kind vorwirft, heuchlerisch zu sein und das ganze Klima-Zeug nur zu machen, weil sie zu faul ist, zur Schule zu gehen? Was haben denn diese Menschen dazu beigetragen, dass die Welt ein besserer Ort wird. Einmal in ihrem Hummer beim Bergabfahren ausrollen lassen? Krass.


Und ja, vielleicht ist die Welt inzwischen ein Ort ohne Hoffnung und ohne Träume. Vielleicht zerdrückt sie diejenigen, die es wagen, aufzubegehren. Vielleicht erhalte ich den Eindruck, dass wir uns nicht vorwärts, sondern zurückbewegen. Dass wir nicht Liebe teilen, sondern Hass. Wir uns entfremden, anstatt uns anzunähern. Und vielleicht haben alle damit Recht, dass nur in Filmen am Ende wirklich die Guten triumphieren. Vielleicht wird die USA von einem engstirnigen, orangen Arschloch regiert. Vielleicht haben wir mit der Solidarität, die Deutschland vorerst in der Flüchtlingskrise an den Tag gelegt und später irgendwie verloren hat, auch unsere Menschlichkeit verloren. Vielleicht hat an schlechten Tagen auch Greta keinen Bock mehr, uns Vollidioten zu versuchen, die Augen zu öffnen. Manchmal glaube auch ich, dass wir den Kampf verloren haben.


Und dann, genau dann, wenn ich glaube, dass es keinen Sinn mehr hat, dann kommt die Welt und denkt, dass es jetzt an der Zeit ist, mir das Gegenteil zu beweisen. Ich sehe Menschen, die sich mit all ihrer Überzeugung für Sans-Papiers einsetzen. Ich sehe Menschen, die Onlineshops für ganze Ortschaften aufbauen und dabei helfen, die Waren auszuliefern, damit diese Unternehmen eben nicht den Bach runter gehen. Ich sehe Menschen, die aus dem Nichts eine Dynastie aufbauen, in der sie andere beschäftigen, die nicht so viel Glück hatten. Ihr Leben zurücklassen mussten. Geflüchtet sind. Und das gegen jede Behörde, die ihnen Steine in den Weg legen will. Sie machen weiter, auch wenn es nicht immer einfach ist, jeden einzelnen Tag. Weil sie jeden Tag die Wahl haben und sich dafür entscheiden, das Richtige zu tun.


Ich sehe Menschen, die sich um Tiere kümmern, die verstossen wurden. Weil sie gerade nicht ins Leben oder die nächsten Pläne passen. Sie investieren viel Zeit und nähern sich diesen Tieren an, bauen eine Bindung auf und helfen ihnen. Einfach so. Nicht weil sie es müssen oder damit sie beliebter werden. Nein, einfach so, weil sie es wollen und wissen, dass es das Richtige ist.


Ich sehe Menschen, die einfach nicht mehr zuschauen können, wie andere Menschen ertrinken. Die ins Gefängnis gehen, für etwas, dass das Richtige ist. Die ausser Rang und Namen fallen, aber denen es egal ist. Die stolz darauf sind und manchmal voller Verzweiflung nicht verstehen können, wie irgendjemand dahinterstehen kann, dass es in Ordnung ist, zu verbieten, Menschenleben zu retten.


Ich habe mich gefragt, weshalb es keinen Martin unserer Zeit gibt. Weshalb Menschen aufgehört haben, zu träumen und viel schlimmer: Seit wann sie aufgehört haben, von ihren Träumen zu erzählen. Vielleicht gibt es diese Träumer immer noch und wir haben nur verlernt, hinzuhören. Die Grossen unserer Zeit arbeiten womöglich im Verborgenen. Denn wie gut ist eine gute Tat, wenn man von ihr erzählen muss?


Was hilft? Die Erkenntnis, dass da, wo Schatten ist, irgendwo Licht sein muss. Und ich glaube nach wie vor daran, dass sich ein gutes Leben und gute Taten auszahlen. Vielleicht ist das eine überholte und naive Weltansicht. Aber wenn der Preis für Menschlichkeit Naivität ist, dann bezahle ich ihn mit einem Lächeln im Gesicht.