• u.nic.orn

Liebesbrief ans Leben



Und dann, nach 9 Monaten Dunkelheit, habe ich dich zum ersten Mal gesehen

Hey, ich bin Nicolas. Zumindest haben mir meine Eltern einst diesen Namen gegeben. Ich habe viele Namen. Manche nennen mich Nici, andere Nico, die Verwegenen sagen Nic, ab und an hört man auch «unicorn» (Einhorn). Ganz wenige nennen mich bei meinem tatsächlichen Namen: Nicolas. Mein Grosi nannte mich Nicceli – auch als ich 25 war. Für eine über 80-Jährige bleibt man halt für immer ein Kind. Ich liebe das. Also, dass ich von verschiedenen Menschen verschiedene Namen trage. Nicht, dass mir mein Grosi Nicceli gesagt hat. Wobei, wenn ich so darüber nachdenke, vermisse ich es sogar. Nicht unbedingt den Namen, aber mein Grosi. Hey, ich erzähl und erzähl dir hier von mir und du, du weisst vermutlich nicht mal mehr so genau, wer ich bin oder wie ich aussehe. Aber wow, ich kann mich an dich erinnern. Du hast mich vom ersten Moment an fasziniert, verängstigt, mitgerissen und für immer verstört. Ich kann es nicht anders schreiben: Du bist atemberaubend schön.



Nicht alles beginnt in Perfektion

Schon immer hatten du und ich ein besonderes Verhältnis zueinander. Eigentlich sollten wir uns gar nie begegnen. Meinen Eltern wurden bescheidene Erfolgschancen auf unser Kennenlernen vorausgesagt. Ich glaube, da fing es zwischen dir und mir an zu knistern. Ich entschied mich haarscharf dazu, den Notausgang aus der oberen Etage zu nehmen und unser erstes Aufeinandertreffen einen Tag vorzuverschieben. Ich weiss, der 29ste Februar 1992 wäre so ein schönes Datum gewesen. Aber ich konnte einfach nicht mehr länger warten, ich musste dich treffen.


Als ich dich zum ersten Mal gesehen habe, brachte ich kein Wort über die Lippen. Dabei hatte ich mich so lange auf diesen Moment vorbereitet und mir ausgemalt, wie es sein wird. Du, ich, Sommerabend, goldene Stunde, auf einer Brücke und aus der Entfernung hören wir gerade noch so Wonderwall von Oasis. Wir erblicken uns gegenseitig bei der Stelle «I don’t believe that anybody feels the way I do, about you now» (Ich glaube nicht, dass irgendjemand so für dich empfindet, wie ich gerade jetzt). Stattdessen war es hell, es waren viel mehr Leute als du und ich dabei. Allen voran meine Eltern. Lass mich gar nicht von den Ärzten und Hebammen erzählen. Ich war so perplex und geblendet, dass ich erstmal nach Luft rang und einen herzhaften Schrei ausgestossen habe. Das war so anstrengend und peinlich für mich, dass ich schon sehr bald eingeschlafen bin. Du, du hast mich nicht mal wahrgenommen.



Von schweren Tagen

Während die Tage, Monate und Jahre ins Land gezogen sind, habe ich dich etwas aus meinem Kopf verdrängt. Aber ich habe dich nie vergessen, konnte dich nicht vergessen. Ich musste mich mit mir selbst auseinandersetzen und erst lernen, wer ich bin, was ich kann, was ich will und wohin meine Reise gehen soll. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es immer einfach und klar war.


Es gab schwere Tage und es wird auch immer schwere Tage geben. Die schwersten davon erlebte ich ende 2009 und anfangs 2010. Ich war damals 18 Jahre alt. Charles Dickens schrieb einst «It was the best of times, it was the worst of times» (es war die beste Zeit, es war die schlimmste Zeit) und ich glaube, ich weiss, was damit gemeint ist.


Damals haben sich meine Eltern getrennt und mein Bruder ist gestorben. Roman ist sein Name. Zu Beginn war es für mich unerträglich, dass sich meine Eltern getrennt haben. Nicht, weil sie nicht mehr zusammen waren, aber der Gedanke zwischen den beiden zu stehen. Doch als Roman gestorben ist, wurde die Trennung meiner Eltern egal für mich. Ich habe damals für mich entschieden, dass mir das Schlimmste passiert ist, das mir passieren konnte und ab jetzt alles andere nicht annähernd so schlimm sein kann. Und das ist bis heute so.


Ich teile nicht alle meine Gefühle und Gedanken mit allen Menschen und bin oft mit mir selbst beschäftigt. Ich habe mir damals ein Ventil gesucht und es gefunden, als ich angefangen habe, zu schreiben. Schreiben hat sich damals für mich untrennbar mit Emotionen und der absoluten Wahrheit verbunden.


Die schlimmste Zeit war schlimm und wird immer schlimm bleiben. Doch sie hat mich zu etwas gebracht, dass ich liebe. Und ich habe gelernt, wer ich bin und was ich will.



Und du siehst mich

Wieso ich dir das schreibe? Weil ich wegen all dieser Ereignisse angefangen habe, jedes Jahr ein grosses Geburtstagsfest zu veranstalten. Irgendwann wollte ich mehr von mir preisgeben und erklären, wieso ich die Dinge tue, die ich tue und wie die Welt durch meine Augen aussieht. Damals habe ich angefangen, Reden zu halten.


Und dort hast du mich zum ersten Mal so richtig gesehen. Denn dort war ich wirklich ich. Versteckt in der Menge, aber dennoch im Mittelpunkt. Umgeben von Menschen, die ich liebe, die mich lieben und dennoch allein. Berauscht von Alkohol und dir. Mit roten Backen und glänzender Stirn. Einen ewig langen Monolog haltend. Nicht auf einer Brücke, nicht an einem Sommerabend, ohne Oasis, die goldene Stunde schon lange vorbei, mit brennender Chillisauce im Magen, null Nervosität – danke Betablocker – und mit der romantischen Vorstellung ein bisschen kaputt sein zu müssen, um Texter zu sein. Mehr am Leben als all jene, die ihr Fotoalbum mit so vielen Erinnerungen füllen, dass sie die Hälfte ihrer Erinnerungen in der Vergessenheit verlieren. So im Moment, dass ich nicht bemerke, wie die Zeit verstreicht.


Und damals hat sich alles geändert. Seit du mich gesehen hast, war ich immer bei dir und du bei mir. Wir haben uns nie wieder aus den Augen verloren. Du hast mich zu grossartigen Ideen angetrieben und mir den Mut gegeben, immer weiterzumachen, auch wenn nicht alles so läuft, wie ich es will. Du hast mir gezeigt, wann ich mich am lebendigsten fühle und dass das nie ohne andere Menschen geht.



Du Achterbahnfahrt

Ich frag mich manchmal, ob du völlig verrückt bist. So grossartig du manchmal bist, hast du ab und an echt üble Ideen und schlechte Pläne. Es gibt Tage an denen du dich himmelhochjauchzend anstrengend glücklich aufführst und es gibt Tage, an denen du tiefer im Loch bist, als es der Marianengraben ist und der Druck beinahe unerträglich ist.


Aber jedes Mal, wenn du Fehler machst, bist du danach noch schöner als zuvor. Du findest immer einen Weg, deine Verfehlungen auszubügeln. Auch wenn du mich manchmal in den Wahnsinn und an den Rand der Verzweiflung drängst, kann ich nicht ohne dich. Du hast mich verzaubert und ich würde dich für Nichts auf der Welt eintauschen.


Verdammt, Leben, ich liebe dich.