14 Jahre ohne dich. Ich weiss schon gar nicht mehr, wie es mit dir war. Ich habe vergessen, wie du lachst, ich habe vergessen, wie du streitest. Vergessen, wie du weinst. Jedes Jahr zwischen dem 15. März und 12. April bist du in meinem Kopf. 14 Mal schon. Tod und Leben sind so nah. Und ich habe Angst. Jedes Jahr ein bisschen mehr. Was vergesse ich als nächstes von dir? Deine Stimme? Wie du ausgesehen hast? Wie wütend ich manchmal auf dich war? Was ich alles von dir gelernt habe? Ich habe Angst. Angst zu vergessen. Angst, dich zu vergessen.
Ich hatte letztes Jahr 2 Lungenentzündungen und es war wirklich verdammt knapp. Beide Male als ich kurz vor dem Ende war, war ich cool mit mir. Mit dem was ich gemacht habe. Mit dem was ich nicht gemacht habe. Ich kann verstehen, weshalb deine Worte «endlich kann ich diesen Körper verlassen» deine letzten waren. Wenn Essen, Trinken, Atmen und Sein nur noch verdammt anstrengend und unangenehm sind, was haben wir dann noch?
Wir kommen alleine und wir gehen alleine. Das Wichtigste in der Zeit dazwischen ist es, die guten Entscheidungen zu treffen. Nicht die einfachen oder die schnellen. Die guten. Manchmal bezahlst du teuer für die guten Entscheidungen. Manchmal werden die Menschen nicht verstehen, weshalb du die guten Entscheidungen triffst, dich sogar dafür verfluchen. Gibt es eine Belohnung für die guten Entscheidungen? Dann, wenn alles vorbei ist und es für immer dunkel wird. Dann, wenn dein Herz den Ruhestand antritt und den letzten mächtigen Schlag schlägt. Dann wirst du für die guten Entscheidungen belohnt.
Irgendwann holt es uns alle ein, irgendwann holt es uns alle heim. Du wirst irgendwann nicht mehr sein, ich werde nicht mehr sein. Leben wir, sterben wir. Würde es nie zu Ende gehen, hätten wir keine Angst vor dem Ende, keinen Antrieb. Wir haben Zeit. Aber wir haben keine Zeit. Hatten wir nie, hätten wir nie, hätten wir doch.
Irgendwo habe ich gelesen, dass wenn du keine Erwartungen hast, du nicht enttäuscht wirst, dass wenn du dich nie öffnest, du nie verletzt wirst und dass wenn du keine Hilfe brauchst, du nie im Stich gelassen wirst. Allerdings freust du dich nie, wenn deine Erwartungen übertroffen werden, du liebst nie und dir wird nie geholfen.
Lebe ein bisschen. Es kann schnell vorbei sein und du bist nie bereit dafür. Verdammt, ich war nicht bereit, als mir das Leben meinen Bruder genommen hat. Ich bin auch jetzt nicht bereit dafür und ich werde nie dafür bereit sein. Ich dachte immer, es wird leichter mit der Zeit. Du weisst schon, Zeit, Heilen, Wunden. Nope, wird es nicht. Manche Wunden bleiben für immer. Das Leben ist dreckig und schmerzt, denn nur wenn es dreckig ist, kann es sauber werden und Schmerz lässt Freude heller strahlen.
Nach all den Jahren und während ich das schreibe, fällt mir auf, dass ich keine Angst haben muss, dich zu vergessen. Genauso wie der Schmerz bist auch du noch da. Ich höre dich in Liedern, ich sehe dich in Haarschnitten und Heavy-Metal-Band-T-Shirts, ich spüre deine Kopfnüsse, ich fühle die Wut unserer Streitereien, die Freude unserer Wiedersehen in der Dunkelheit der Freitagabende und ich kann mich an unser letztes gemeinsames sonnendurchflutetes Lachen erinnern.
Für immer.
